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Mittwoch, 16. Juni 2010

Ovids Metamorphosen modernisiert. Teil 5:

SITIS VEXAT SED AGRICOLA MAGIS

Mit Sack und Pack und Kindern zwei
an einem Tümpel kam vorbei
vor langer Zeit in fernem Land
die Frau, die sich Latona nannt.
Die Reise ob des Durstes stockte,
doch hier ein kühles Wasser lockte.
So naht die Dame mit den Kindern,
um des Durstes Pein zu lindern.

Doch zwischen Durstige und Trank
drängte sich ein übler Zank;
denn finstre Bauern voller Wut
verwehrten ihnen feuchtes Gut:
„Liebe Frau, ihr sollt bedenken:
Wir müssen unser Vieh noch tränken!“
„Meine Herrn, nur einen Krug,
da bleibt den Kühen doch genug!“

„Liebe Frau, wärs das allein,
sollt es uns nichts Arges sein –
allein, ihr dürfet nichts hier räubern,
da unsre Fraun noch Wäsche säubern!“
„Ihr guten Herrn, so seht doch ein:
Auch dann wirds noch genügend sein!“

„Verehrte Dame, dies mitnichten,
lasset euch sodann berichten,
daß nach langen Arbeitstagen
wir uns auch zu baden wagen!“
„Aber Unrat und die Seifen
werden den Geschmack angreifen!
Soll ich etwa meinen Kindern
den Durst mit einer Lauge lindern?!“

„Nun, Madame, ihr seht wohl nicht,
was aus unsern Worten spricht:
Trinken könnt ihr, doch nicht hier,
dies Wasser ist zu gut dafür!“

Ein Klagen ließ die Mutter hören,
woran die Bauern sich nicht stören;
im Gegenteil: Sie gehn zum Ufer
und spotteten den durstgen Rufer:
„Weib, ihr wollt dies Wasser haben?
Nun denn, so sollt ihr euch dran laben!“
So sprachen sie voll Hohngelächter,
die elendigen Tümpelwächter,
und trampelnd wie die Elefanten
sie ins klare Wasser rannten.
Spritzend liefen sie umher,
wie wenns ‘ne Herde Kühe wär.

Der Mutter nun die Augen tränten,
derweil die Bauern sich nicht schämten:
Sie warfen sich nun auf den Grund
und spien wie Lamas aus dem Mund;
am Boden wühlten sie wie Schlangen,
und Schmutz und Schlamm troff von den Wangen.
Dann hüpften sie gar wie die Hasen,
und schafften viele luftge Blasen;
Sie sprangen aus dem Teich gleich Fröschen.
„So kommet euren Durst hier löschen“,
sprachen sie an sie gewandt,
die Bosheit just ein Ende fand.

Latona aber sprach voll Würde:
„Zur Strafe sei euch diese Bürde:
Quaken sollt ihr alle Tage,
Störche seien euch zur Plage,
Trockenheit sei euer Tod,
ihr Niedertracht in andern Not!“
Und als das letzte Wort verklang,
ertönt ein schauerlich Gesang
von Wesen, die mit krummen Rücken
niemands Liebreiz je entzücken.

So endeten hier Lykiens Bauern,
ohne irgendwen zu dauern;
wer durstgen Göttern Trank versagt,
der wird von ihnen schlimm geplagt.

Samstag, 5. Juni 2010

Ovids Metamorphosen modernisiert. Teil 4:

AGRICOLÆ IMPENSAM FACIUNT

Europa saß, erfüllt von Qualen,
vor des neuen Haushalts Zahlen:
„Sechse müssen aus den zehn
Euros an die Bauern gehn.
Täte mans nicht hier verschwenden,
könnte sinnvoll mans verwenden,
zum Beispiel für Sozialausgaben,
daß arme Leute sich dran laben.
Doch mit diesen Geldern hier
zahle Bauern ich dafür,
daß sie gar nichts produzieren
(außer den verrückten Stieren).
So kanns hier nicht weitergehn,
baldigst muß etwas geschehn!“

Des harten Sparens Kommissar
die ehrgeizig’ Latona war.
Es hallte ihre Kampfparole:
„Bauern weg zu unserm Wohle!“
Der Testfall fern in Lykien war,
Verhüllungschiffre „Hex und spar“:
Die Bauern hexte sie zu Fröschen:
„Das wird Milliardenkosten löschen!“

Europas Laune bald war heiter,
sanken doch die Kosten weiter.
Und als Europa landwirtsfrei
sprach sie: „Oh, wie ich mich freu!
Endlich fließen keine Gelder
mehr für öd- und brache Felder.
Latona, ich bin dankbar dir.
Schluß ist mit der Bauern Gier!“

Doch währte nicht sehr lang der Friede,
denn sparen konnt man nicht rigide:
Zwar fehlte nun der Bauern Gieren,
dafür mußt man importieren!
So kam es, daß der sechs aus zehn
Euros an das Ausland gehn!

Sonntag, 16. Mai 2010

Ovids Metamorphosen modernisiert. Teil 3:

NEMO PERFECTVS

Pygmalion im ganzen Land
ein jeder mit der Kunst verband:
Ob Marmorbilder, Zieramphoren –
an Schönheit war sein Herz verloren.

So wollte es auch keiner glücken,
seinen Liebreiz zu entzücken,
da er blickte höchst genau
auf jeden Makel einer Frau:
Adlernase, schief und lang,
Speckgesicht mit Aknedrang,
Beingestalt in Form des X,
trübes Aug geschielten Blicks,
schwarzer Zahn, geschupptes Haar –
keine ganz vollendet war.

„Gibts auf Erden hier nicht eine,
schaff ich mir sie ganz alleine!“
sprach er schließlich desperat,
drauf er gleich zum Marmor trat
und meißelte sich die Figur,
der Schönheit innewohnte nur.

Nach langen, harten Werkestagen
das Bild er konnt zur Venus tragen,
wo er sich zuerst verbücket,
dann um eine Wandlung bittet:
„Venus, schönste Göttin du,
nutze deine Kraft dazu
– ich bitte dich mit Ehrfurchtsschaudern –
von Marmor dies in Fleisch zu zaubern!“

Gütig durch solch Wort gestimmt,
von Venus ein Bejahen klingt.
So konnt des Schönheitssinns Mäzen
mit Gattin gleich ’gen Zypern gehn.
Doch hört man – ob Pygmalions Mängeln –
von der Dame stetes Quengeln:

„Deine Nas ist krumm und schief,
Falten hast du, viel und tief.
Ein gelber Schleier ziert die Zähne.
(Mir grausets, wenn ichs bloß erwähne!)
Sehnig ist dein Hals und lang,
zum Nägelkauen zeigst du Zwang.
Entschwunden ist im Lauf der Jahre
gänzlich deine Pracht der Haare.“

Erzürnt durch solch verruchtes Zetern
end’t der Weg nach wen’gen Metern.
Die beiden machten kehrt die Wende
und eiln zu Venus’ Schloß behende.

Beendet war der eitlen Sein,
indem sie wieder ward zu Stein.
„Und die Moral“, Pygmalion spricht:
„Die Schönheit einzig reichet nicht!“

Samstag, 8. Mai 2010

Ovids Metamorphosen modernisiert. Teil 2:

LEONES IN TEMPORE MAGIS

Von Pyramus war lang bekannt,
daß reizend er die Thisbe fand;
auch umgekehrt die Liebe galt,
was deren Eltern merkten bald.
Des Nachwuchs’ Minne sie nicht litten,
da sie hefigst warn zerstritten:
Des Nachbars Blumen weckten Neid,
die Gartenzwerge schließlich Streit.
So kämpfte man per Jus seit Jahren,
wo jene aufzustellen waren.

Doch half der Zufall beiden nach,
denn der beiden Schlafgemach
war nur getrennt durch eine Wand,
die störend bloß im Wege stand.
Jedoch – was merkt die Liebe nicht? –
die Mauer war nicht gänzlich dicht!
Indessen gingen durch die Risse
Worte nur, gehauchte Küsse.

So wollten dann nach langen Tagen
den lang erdachten Plan sie wagen:
Zu treffen sich dort drauß im Dunkeln
bei Mondenschein und Sternenfunkeln.
„Gegen neun verlaß ichs Haus,
geh zu den Maulbeerbäumen raus
und wart auf dich am großen Stein“,
sprach Thisbe, und so sollt es sein.

Nach Pyramus sah man sie spähn,
doch kam er nicht – bald schlug es zehn.
Einsam war sie noch um elf,
solo wartet sie um zwölf.
„O Pyramus, Geliebter mein,
warum kannst du nicht pünktlich sein?“
Da hört von fern sie ein Geräusch:
„Na warte, Freund, dir zeig ichs gleich!“
Doch kam der Lärm nicht von dem Mann –
Löwen traten grimm heran…

Um eins der Pyramus entwischt –
er fand den Haustürschlüssel nicht.
Aber am versprochnen Ort
sah er, daß die Thisbe fort.
Er fand bloß einen Fetzen Stoff,
der von frischem Blute troff.
„O des Finstern böse Macht!
Ins Unglück zwei stürzt eine Nacht!
Ob meiner rannte ins Verderben
die Thisbe, mußte deshalb sterben.
Hier kann es kein Verzeihen geben,
so kann ich länger nicht mehr leben!“

Den Dolch nahm hierauf er zur Hand
zu tilgen die verschuldte Schand.
Doch noch vor dem ersten Stechen
hört er Thisbes Stimme sprechen:
„O Pyramus, Geliebter mein,
halte mit dem Selbstmord ein!
Des Schleiers blutig-rote Spur
stammt von einem Schafe nur!
Löwen haben mich gejagt,
so hab ichs Rendezvous vertagt!“
Der Pyramus zuerst noch stutzt,
sogleich jedoch sagt er verdutzt:
„O Thisbe, du Geliebte mein,
nächstens werd ich pünktlich sein!“

Samstag, 1. Mai 2010

Ovids Metamorphosen modernisiert. Teil 1:

VITA IOVIS – LETVM BOVIS


Mit Langeweile und mit Wein
im Olymp saß Zeus allein,
da seine Frau, die Hera hieß,
ihn auf Knall und Fall verließ.
Ob verletzter Eitelkeit
weilte sie bei Paris weit,
sich zu rächen am Verhöhner,
der befand die Venus schöner!
Wie gesagt, saß mit dem Wein
Zeus auf dem Olymp allein.

Daß dieses recht bald anders werde,
versucht sein Glück er auf der Erde.
Inkognito dort lustzuwandeln,
mußt erst er sich zum Stier verwandeln.

Und nach langem Suchen fand
er sie, Europa kurz genannt.
(Kürzer noch hieß sie EU,
doch das tut hier nichts dazu.)
Der Ort, wo er die Schöne sah,
das schöne Städtchen Brüssel war.

Als er sie sah, war er entzückt,
worauf er gleich ein Blümchen pflückt
und tänzelte auf grüner Weide –
dem Mädchen aber nicht zur Freude!
Verärgert in dem höchsten Maß
sie aus einer Vorschrift las:

„Wenn dem Umstand nun so ist,
daß du ein Stier aus England bist,
so gilt durch Schlachten dir der Tod –
zumindest ein Importverbot.
Denn an deinem Tanzstil seh
ich klar, daß du hast BSE!
Auch wenn dieses nicht der Fall:
Mängel hast du überall!
Der Huf zu kurz, das Horn zu lang –
noch nie gehört vom Normenzwang?
Der Kopf zu breit, die Brust zu schmal –
dem Schlachter ist das nicht egal!
Gänzlich fehlt der Nasenring –
wo kämen wir denn da noch hin?
Nein, um mir jetzt noch zu imponieren,
mußt normgerecht dich ausstaffieren!“

Sprachs und nahm ein Buch zur Hand
(es war ein Tausend-Seiten-Band):
„Nimms und lies mal dieses hier:
,Wie werd ich normgerechter Stier?‘
Außerdem noch die Broschüre:
,Was tun, wenn ich was importiere?‘“
So ließ sie nun den Zeus allein.

Der sitzt heute noch mit Wein
und Langeweil auf seinem Zimmer
und studiert das Buch noch immer!