Posts mit dem Label Großstadt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Großstadt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 10. August 2010

Im Taxi

Der Ort des Geschehens ist eine Großstadt zur abendlichen Hauptverkehrs­zeit. Unter den Blechkarossen mit heimkehrenden Berufspendlern ist ein Taxi. Der Fahrer hat eine etwa fünfzigjährige Dame an Bord, die, mit allerhand Ge­päck im Kofferraume, zum Bahnhofe gefahren werden möchte. Der Fahrer ist, nicht zuletzt des behindernden Verkehrsaufkommens wegen, sehr gereizt.

Fahrer So, da wären wir. Macht zwölf Mark achtzig.
Dame Was – soviel? Für die paar Meter?
Fahrer Bei dem Verkehr geht das nach Zeit, nicht nach Strecke!
Dame Ja, ja, Sie wissen schon, wie Sie einem das Geld aus der Tasche zie­hen können!
Fahrer Bislang haben Sie ja noch nichts herausgerückt!
Dame Wie? Ach so, ja ... Bitte sehr. Ich hoffe, sie können auf zwanzig Mark wechseln.
Fahrer Selbstverständlich, gnä’ Frau.
Dame Und eine Quittung, bitte.
Fahrer Bitte eine Quittung!
Dame Wie bitte?
Fahrer Es heißt bitte eine Quittung!
Dame Sehr wohl!
Fahrer Das „Bitte“ müssen wir wohl dann noch ein wenig üben!
Dame Was erlauben Sie sich denn? Ich habe doch bitte gesagt!
Fahrer Das hätte ich ja wohl gehört!
Dame Offensichtlich aber nicht!
Fahrer Sie wollen doch wohl nicht behaupten, daß ich einen Gehörschaden habe?
Dame Auf jeden Fall sind Sie die Unverschämtheit in Person! Aufgrund eines lächerlichen „Bittes“, welches Sie lediglich überhörten, ein sol­ches Theater zu veranstalten, grenzt ja wohl schon an Lächerlich­keit!
Fahrer Sie behaupten, ich sei lächerlich!
Dame Ach, halten Sie doch den Mund! Mit Ihnen streite ich mich doch nicht!
Fahrer Aha, bin ich also unter Ihrer Würde? Sie kennen wohl Artikel eins des Grundgesetzes nicht?
Dame Jetzt fängt der auch noch mit Juristerei an...
Fahrer „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Genau so steht es geschrie­ben!
Dame Reden Sie doch nicht so einen Quatsch! Nur weil sie einen Gehör- und offensichtlich auch noch einen gehörigen Dachschaden haben ...
Fahrer Zwingen Sie mich nicht dazu, Sie unsanft aus meinem Wagen zu befördern!
Dame Sparen Sie sich Ihre Kräfte lieber dafür, meine Koffer aus dem Wa­gen zu nehmen.
Fahrer Nachdem Sie mich so beleidigt haben, können Sie Ihrem Krempel allein da rausholen!
Dame Sie unverschämter Flegel! Das werde ich mir keine Minute länger mehr anhören!

Die Dame verläßt den Wagen und beeilt sich, ihr Gepäck aus dem Kofferraum des Wagens zu entfernen. Eiligen Schrittes geht sie dann zum Bahnhofsgebäude. Der Fahrer blickt ihr grinsend nach und steckt die sieben Mark zwanzig Wechsel­geld, von der Frau im Eifer des Wortgefechtes schlicht vergessen, wieder ein.

Freitag, 16. Juli 2010

In der Straßenbahn

Der Ort der Handlung ist eine Straßenbahn in einer Großstadt. Sämtliche Plätze sind besetzt, das Augenmerk richtet sich jedoch nur auf zwei: Der erste wird von einem Manne mittleren Alters besetzt, welchem anzusehen ist, daß er auf sein Äußeres sehr viel Wert legt, obgleich er damit sein Älterwerden nicht verhindern kann: Erste graue Strähnen sind in seinem leicht schütteren, braunen Haare zu erkennen. Bekleidet ist der Mann mit anthrazitgrauem Hute, gleichfarbigem Mantel und Hose und schwarzen Straßenschuhen. Am Mantel sind ein weißer Hemdkragen zu entdecken sowie eine schwarze Krawatte. Auf seinem Schoße ruht ein schwarzer Aktenkoffer.
Der zweite Platz wird von einem jungen Manne, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, wahrscheinlich Student, eingenommen. Seine Haare sind, recht mißlungen, rot gefärbt; ein blonder Ansatz läßt sich erkennen. Ferner trägt der Hochschüler eine zerrissene blaue Jeanshose, ein rot-schwarz-kariertes Hemd und grüne Schuhe. Außerdem steht ein kleiner schwarzer Rucksack zwischen seinen Beinen.
Die Straßenbahn hält. Eine ältere Dame steigt ein; sie ist vielleicht siebzig Jahre alt, hat weiße Haare und ist mit einem hellgrauen Mantel, einer altrosa Bluse und einem gleichfarbigen Rocke und beigefarbenen Schuhen bekleidet. In der rechten Hand hält sie eine altmodische cremefarbene Handtasche.

Herr Setzen Sie sich doch, gnädige Frau!
Ältere Dame Danke, sehr freundlich von Ihnen!
Herr Nichts zu danken, man hat schließlich Erziehung!
Student Aber – bleiben Sie doch sitzen, mein Herr! Ich werde meinen Platz räumen!
Ältere Dame Wirklich sehr zuvorkommend von Ihnen, junger Mann!
Herr Einen Moment, bitte! Wenn ich mich recht entsinne, habe ich Ihnen zuerst einen Platz angeboten. Ich darf Sie also bitten, von meinem Angebote sofort Gebrauch zu machen.
Ältere Dame Aber ...
Herr Ich bestehe darauf! Setzen Sie sich auf meinen Platz! Ich bin doch wahrhaftig nicht so gebrechlich, daß ich nicht mehr stehen kann! Ha – das wäre doch gelacht! Ich und altersschwach!
Student Aber das hat doch niemand behauptet!
Herr Sie haben es nur nicht gesagt! Aber ich sehe es Ihnen doch an, was Sie denken: Ich sei ein wackeliges Klappergestell, ein potentieller Pflegefall!
Ältere Dame Übertreiben Sie nicht ein wenig?
Herr Übertreiben? Ich weiß doch genau, wenn mich jemand verspotten will! Aber ich lasse mich doch nicht von so einem dahergelaufenen Lümmel beleidigen!
Student In welcher Weise sollte ich Sie denn beleidigt haben?
Herr Dies legte ich Ihnen doch soeben dar: Sie haben mich mit verwerflichen Gedanken diffamiert!
Student Woher wollen Sie denn wissen, was ich gedacht habe? Sind Sie etwa Hellseher?
Herr Wollen Sie mir nun auch noch vorwerfen, ich sei töricht – dement gar? Es wird ja immer schöner! Da fährt man ahnungslos in der Straßenbahn und wird aufs Empfindlichste gekränkt – sind Sie etwa auch einer von denen, die mir meine hart erarbeitete Rente nicht gönnen? Soll ich in zehn Jahren etwa am Hungertuche nagen?
Student Was faselt der?
Ältere Dame Also, etwas ist wirklich dran an dem, was er sagt...
Student Aber ich habe Ihnen doch bloß meinen Platz angeboten, damit er sitzen bleiben kann. Ich muß ohnehin an der nächsten Haltestelle aussteigen. Was ist daran Beleidigendes?
Herr Ha, so denken Sie also! Dachte ich es mir doch gleich: Gebt dem senilen Greisenvolke das, was ich selbst nicht mehr brauche – materieller Abfall ist gerade gut genug für menschlichen Abfall! Schöne Ethik ist das! Da überkommt einen ja der Ekel!
Ältere Dame So sehe ich das allerdings auch! Es ist doch ungleich leichter, etwas wegzugeben, was ich nicht mehr benötige, als etwas, was mir vielleicht lieb und teuer ist und wofür ich hart arbeiten mußte!
Student Ein Sitzplatz in einer Straßenbahn?
Herr Pah! Damit fängt es doch an! Das steigert sich doch. Letztlich werdet ihr uns die Butter auf dem Brot nicht mehr gönnen – ach was, nicht einmal das Brot mehr, elendes Egoistenpack!
Ältere Dame Das stimmt allerdings! Die da oben erhöhen ihre Diäten in zweistelliger Höhe, und wir Rentner müssen uns jede Nachkommastelle hinter einer lachhaften Null einzeln erkämpfen! Wie soll das bloß noch enden? Müssen wir dann von Brosamen der Wohltätigkeitsvereine leben? Da muß man sich ja wie ein Aussätziger vorkommen!
Student Aber was hat das denn alles mit einem Sitzplatz in der Straßenbahn zu tun?
Herr Was geht Sie das an? Das verstehen Sie ohnehin nicht! Sie sollten sich vielmehr bei mir entschuldigen!
Student Aber wofür denn, zum Donnerwetter?
Ältere Dame Werden Sie doch nicht gleich schroff, junger Mann! Es ist doch wohl eine Selbstverständlichkeit, daß man sich für seine Kränkungen entschuldigt!
Student Wenn ich wüßte, was ich zu entschuldigen hätte ...
Herr Ich sage es ja immer: Keinerlei Schuldbewußtsein hat die Jugend von heute mehr! Damals, als ich noch jung war, hätte es das nicht gegeben! Damals hätte man...
Student Wen interessiert das denn?
Herr Unterstellen Sie mir jetzt auch noch, daß ich sinnloses Zeug rede? Es treibt einem fürwahr die Zornesröte in das Gesicht, wenn man Ihre Beleidigungen, die Sie in dieser kurzen Zeit...
Student Aber ich habe Sie doch nicht beleidigt! Es ging doch nur darum, daß ich der Dame meinen Platz anbot...
Herr ... und Sie mir Altersschwäche, Schwachsinn und Unbedarftheit vorwarfen!
Student Mit keinem Wort! Aus heiterem Himmel klagten Sie mich an, Sie beleidigt zu haben, obwohl ich nichts über oder gegen Sie geäußert habe!
Herr Ein Lügner bin ich also auch noch! Das setzt allem noch die Krone auf! Warten Sie, wenn ich...
Student Endlich! Meine Haltestelle! Muß ich mir das dämliche Gefasel von dem nicht mehr länger anhören!

Die Straßenbahn hält, und der Student steigt eiligen Schrittes aus.

Herr
Da flüchtet er, der Feigling! Das ist die moderne Erziehung, ich sage es ja immer! Hoffentlich begegne ich diesem Kerl nicht noch einmal! Ich glaube, wenn es hier nicht so voll wäre, wäre er am Ende gar noch handgreiflich geworden – man weiß ja nie bei solchen Strolchen!
Ältere Dame Ja, es ist schwierig, in dieser Zeit alt zu werden! Man ist nirgends sicher, und die Jugend hat keinerlei Respekt mehr vor dem Alter. Erst neulich habe ich in der Zeitung gelesen, daß so ein paar Rabauken älteren Damen die Handtaschen geraubt haben – am hellichten Tag und mitten in der Stadt! Ich glaube, ich muß Ihnen danken, daß Sie diesen Grobian vertrieben haben!